Nationale Themen der Tabakkontrolle standen am ersten Konferenztag im Vordergrund. Von Interesse war hier besonders die Novellierung des Nichtraucherschutzgesetzes (NiSchG) in Nordrhein-Westfalen. Die nordrheinwestfälische Staatssekretärin für Gesundheit, Frau Marlis Bredehorst, betonte das Bemühen ihrer Partei um den Nichtraucherschutz seit Amtsantritt. Die Evaluation des bestehenden Gesetzes habe jedoch dessen unzureichende Wirkung gezeigt. Vor allem im Gaststättenbereich gibt es zu viele "Schlupflöcher" und im Jugendhilfebereich werde das öffentliche Rauchverbot für unter 18-Jährige nicht eingehalten. Bei dem nun vorliegenden Neuentwurf des Nichtraucherschutzgesetzes (NiSchG), mit dem sich das Parlament nach Karneval befassen wird, sind sämtliche Ausnahmen gestrichen. Gute Beispiele für gelungenen Nichtraucherschutz seien Irland und Italien. Für den neuen Gesetzentwurf haben jedoch auch Bayern und das Saarland als Vorbilder gedient.
Frau Pötschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum (dkfz) hält ein klares Gesetz in NRW für notwendig, da laufende Kontrollen den Kommunen nicht zuzumuten seien.
Gaststättenbetriebe, so schlug Frau Rustler vom Deutschen Netz gesundheitsfördernder Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen (DNGKG) vor, könnten mit ihren Befürchtungen um Umsatzeinbußen konstruktiv umgehen: kreative Ideen für eine familienfreundliche und altengerechte Ausrichtung der Gaststätten seien gefragt. Auch sollten Gaststättenbetriebe, die sich z.B. um altengerechte sozialer Räume bemühe, öffentlich gefördert werden.
Weitere Vorträge waren dem "Nichtraucherschutz in Deutschland" und einer möglichen bundesweiten Einheitsregelung und "Forschungsergebnissen zum Passivrauchen" gewidmet. So ergab eine letzte Studie, dass 1/3 der erwachsenen Nichtraucher/innen in Deutschland Passivrauch ausgesetzt sind. Bei Jugendlichen liegt - nach eigenen Angaben - eine extrem hohe Passivrauch-Belastung vor.
50% der Kinder leben mit einem rauchenden Elternteil zusammen. Die Krankheitslasten durch Passivrauchbelastung sind ähnlich hoch wie die durch Lärm und Radon. Vom Passivrauch betroffen sind insbesondere Angehörige sozial benachteiligte Schichten.
Des Weiteren rauchen über 15% der Frauen in der Schwangerschaft.
Befürchtungen, Raucher würden wegen des öffentlichen Rauchverbots zu Hause umso mehr rauchen, haben sich einer DKFZ-Studie zur Folge nicht bestätigt. Im Gegenteil: Immer mehr Raucher in Deutschland wollen auch in ihrer eigenen Wohnung weniger Qualm. Der Studie zufolge hätten im Jahr 2007 rund 30 Prozent der Raucher ein vollständig rauchfreies Zuhause gehabt, 2009 seien es bereits 41 Prozent gewesen, erklärte Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum. Besonders häufig seien rauchfreie Haushalte in Familien mit kleinen Kindern: 2009 hätten knapp 70 Prozent der Raucher mit einem Kind unter fünf Jahren nicht in den eigenen vier Wänden geraucht, vor dem Jahr 2007 seien es nur 54 Prozent gewesen.
Parallele Symposien am Nachmittag des ersten Kongresstages widmeten sich den Themen "Tabakentwöhnung" und "Tabakprävention". Unter dem Titel "Tabakprävention - Rauchfreie Kindheit und Jugend" gaben Vertreter/innen etablierter Präventionsprojekte Einblicke in die Erfolgsgeschichte ihrer Projekte: Dr. Pal L. Bölcskei und Thomas Dupée machten eine Bestandsaufnahme von "Klasse 2000", ein Grundschulprojekt, dass mittlerweile seit 20 Jahren mit steigendem Erfolg durchgeführt und auch weiterhin engagiert weiterentwickelt wird. Barbara Isensee aus Kiel sprach zur Entwicklung von "Be Smart - Don't Start", ein seit 15 Jahren weltweit erfolgreicher Wettbewerb für Klassen weiterführender Schulen.
Der zweite Kongress-Tag begann mit einem "Blick über die Grenzen" auf Tabakpräventionsprogramme in der Schweiz und österreich, und schließlich wurden "aktuelle Probleme der Tabakkontrolle" - etwa die E-Zigarette - in den Blick genommen: "Es gibt den begründeten Verdacht, dass auch bedenkliche Substanzen enthalten sind", erklärte das DKFZ. Der Dampf einer E-Zigarette enthalte - ebenso wie Zigarettenrauch - das suchterzeugende Nervengift Nikotin. Das enthaltene Propylenglykol ist als Lebensmittelzusatz zwar zugelassen, gilt aber als atemwegreizend. Letztendlich sind die Stoffe und Wirkweisen der E-Zigarette nicht erforscht und absehbar. Bis dahin gilt für NRW, dass in Räumen, in denen ein Rauchverbot besteht, die Elektronische Zigarette nicht geraucht werden kann.
Foto:dpa
Karin Franke, Koordinatorin der Landesinitiative "Leben ohne Qualm", wies darauf hin, dass die E-Zigarette ein zu überwindendes positives Bild der "realen" Zigarette reproduziere. Gelungene Präventionsarbeit würde gefährdet, wenn Kindern mit Einführung der E-Zigarette das Rauchen wieder als attraktives Verhalten vorgelebt würde. Weitere Infos zur E-Zigarette werden vom dkfz und von der nordrhein-westfälischen Koordinierungsstelle bereitgehalten:
http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publ...
und
http://www.loq.de/download/Neu_InfosUndEmpfehlung....
Am Nachmittag des zweiten Tages standen wieder parallele Veranstaltungsblöcke auf dem Programm. Das Nichtraucherschutz und Rauchfreiheit in Krankenhäusern erfolgreich ist, dass bezeugte im Satellitensymposium Christa Rustler, Vertreterin des bundeweit agierenden "Deutschen Netzes Rauchfreier Krankenhäuser und Gesundheitseinrichtungen"(DNRKG). Es wurde jedoch auch über Handlungsfelder gesprochen, in denen die Umsetzung von Rauchverboten meist hinter den akuten Problemlagen der Klienten und den strukturellen Schwierigkeiten der Institutionen stehen/standen: Justizvollzug und Forensik. Studien und Erfahrungen lassen hoffen.
Einen weniger hoffnungsvollen Ausblick ließen die Vorträge zu, die sich mit dem Einfluss der Tabakindustrie auf wirtschafts- und gesundheitspolitische Entscheidungen befassten. Der Kampf der Tabakindustrie gegen das weltweite Rahmenabkommen zur Tabakkontrolle, ihr Einfluss auf die EU-Tabakrichtlinie und die langjährigen guten Beziehungen zwischen dem Verband der Zigarettenindustrie, den verschiedenen Ministerien und dem Kanzleramt, erschweren die Umsetzung des gesundheitspolitisch Notwendigen. Im Zuge der starken Lobby-Arbeit der Tabakindustrie auf Verbandsebene geht sie mittlerweile auch mit den Pharmafirmen, den Nikotinproduzenten, gemeinsame Wege. Auch wenn die aktuell sinkenden Raucher/innen-Zahlen und die mäßigen Besucher/innen-Zahlen des Kongresses keinen dringlichen Handlungsbedarf vermuten lassen: kontinuierliche Tabakkontrolle tut ebenso not wie eine nachhaltige Tabakprävention, damit nicht zuletzt der Tabak uns kontrolliert…
Die Vorträge der Konferenz stehen zum Download bereit unter: http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/9_Deutsche_Konfer...
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