Stadien der Veränderung bei
Substanzmissbrauch und -abhängigkeit
Eine methodenkritische Übersicht

Der Leitgedanke der Arbeit ist es, Einblicke in das Stadienmodell der Veränderungen nach Prochaska, DiClemente und Norcross von 1992 zu geben. Dieses Modell, das überwiegend im Bereich der Früherkennung und Frühintervention bei einem beginnenden Suchtverhalten Anwendung findet, dient dazu, die aktuelle Veränderungsbereitschaft eines Klienten zu ermitteln, um darauf abgestimmte effektivere Behandlungsmethoden entwickeln zu können. Inwieweit dieses Modell, das bereits seit einiger Zeit im Gesundheitsbereich verbreitet ist, dieser Zielsetzung gerecht werden kann, wird von den Autoren Th. Heidenreich und J. Hoyer in ihrer Studie aufgezeigt.

Das Stadienmodell der Veränderungen (transtheoretisches Modell) nach Prochaska, Di Clemente und Norcross (1992) beinhaltet einen integrativen Ansatz, dessen Zielsetzung es ist, jegliche Form menschlicher Verhaltensänderung modellhaft abbilden zu können. Dazu wird zwischen Veränderungsstadien und Veränderungsprozessen (während der Veränderung eingesetzte Strategien) unterschieden. Veränderungsstadien meint hier eine feste Abfolge von Veränderungsschritten. Es wird dabei angenommen, dass es nur in den seltensten Fällen zu einer geradlinigen Verhaltensänderung kommt; häufig werden einzelne Stadien mehrfach durchlaufen, beispielweise nach Rückfällen. Eine konkrete Aussage darüber, wie lange der gesamte Prozess der Verhaltensänderung bzw. das Durchlaufen eines einzelnen Stadiums andauert, wird nicht getroffen - je nach Person kann der Veränderungsprozess sowohl äußerst kurz- als auch sehr langwierig sein.

Die Autoren sichteten den Forschungsstand zu diesem Modell. Während Prochaska von insgesamt fünf Veränderungsstadien ausgeht (Precontemplation, Contemplation, Preparation, Action und Maintenance), beschreiben andere Modelle auch eine abweichende Anzahl von Veränderungsstadien. Gerade neuere Studien schlagen vor, die einzelnen Stadien in sich weiter zu differenzieren.

Auch bezüglich der geeigneten empirischen Methode zur Bestimmung der Stadienzugehörigkeit existieren zur Zeit keine Standards. So haben sich für bestimmte Störungsbilder aus dem Suchtbereich zwar einige methodische Herangehensweisen als besonders geeignet erwiesen (z.B. im Bereich "Rauchen"). Über die verschiedenen Störungsbilder hinweg hat sich aber noch keine spezifische Methode als gebräuchlicher Standard durchgesetzt. Insofern sind momentan sowohl vergleichende als auch generelle Aussagen über die Verhaltensänderungen im Bereich der Gesundheitsförderung nach Ansicht der Autoren nur sehr schwer zu treffen.

Insgesamt betrachtet scheint das Stadienmodell der Veränderung ein vielversprechendes Konzept zu sein, welches allerdings noch einiger Modifikationen bzw. Verfeinerungen bedarf. Insbesondere sollte auch näher untersucht werden, ob sich Verhaltensänderungen tatsächlich an festgelegten Stadien orientieren oder ob der Prozess der Verhaltensänderung nicht doch nur künstlich in unterschiedliche Stadien segmentiert wurde.

Quelle: Heidenreich, Th. und J. Hoyer: Stadien der Veränderung bei Substanzmißbrauch und -abhängigkeit: Eine methodenkritische Übersicht. In: Sucht 47 (3) 2001, S. 158-170.