Forderung nach Verbesserung der Behandlung der Tabaksucht

Entgiftungsbehandlung und Raucherentwöhnung in Deutschland sind aus Sicht des Autors unzureichend, da sie nicht dem aktuellen Stand der Forschung entsprechen. Petry ist psychologischer Psychotherapeut an einer psychosomatischen Fachklinik.

Hinsichtlich der Tabakentgiftung kritisiert er insbesondere den Einsatz von Nikotinersatzpräparaten. Bereits der Begriff "Nikotinersatztherapie" sei irreführend, da er suggeriere, dass es sich um eine therapeutische Maßnahme der Raucherentwöhnung handele. Dabei wird das für die Entstehung und Aufrechterhaltung der Tabaksucht verantwortliche Nikotin lediglich weiter zugeführt. Er legt dar, dass die Verabreichung von Nikotin nicht mit dem Einsatz von Anti-Craving-Substanzen innerhalb der Alkoholismustherapie verglichen werden könne, da bei letzterer nicht suchtpotente Substanzen zum Einsatz kommen. Im Gegensatz dazu kann die Einnahme von Nikotinpräparaten eine Abhängigkeit auslösen, wie mehrere Befragungen von Rauchern zeigten. Deshalb empfiehlt Petry den restriktiven Umgang mit solchen Präparaten, die lediglich bei der Schlusspunktmethode kurzfristig und auf Wunsch des Patienten eingesetzt werden sollten. Dass die "Nikotinersatztherapie" als evidenzbasierte Behandlungsstrategie für Entgiftung und Entwöhnung z.B. von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft empfohlen wird, kann der Autor nicht nachvollziehen. Petry führt den Erfolgskurs der Präparate in erster Linie auf die Bemühungen pharmazeutischer Firmen zurück.

Zum Status quo der Entwöhnungsbehandlung führt der Autor aus, dass diese auf dem Stand des Selbstkontrollansatzes der 70er Jahre stehen geblieben ist. Die Bearbeitung der schweren Selbstwertstörung und die damit zusammenhängende Veränderung des individuellen Wertesystems, die innerhalb anderer Suchttherapien einen zentralen Ansatzpunkt darstellt, bleibt in der Behandlung von Tabakabhängigen unberücksichtigt. Damit fehle eine wichtige Grundlage für die langfristige Veränderung des Rauchverhaltens. In diesem Zusammenhang weist Petry darauf hin, dass die Veränderung des Selbstkonzeptes nicht mittels eines kurzfristigen und standardisierten Vorgehens realisiert werden könne. Als Alternative zur Gruppentherapie empfiehlt der Autor, der sich insgesamt für eine Individualisierung der Raucherentwöhnung ausspricht, eine einzeltherapeutische Kurzintervention bei leichteren Formen der Abhängigkeit und eine längerfristige Einzeltherapie, wenn Tabakkonsum als zentrales Mittel der Stressbewältigung eingesetzt wird. Um die Entwöhnungsbehandlung weiter zu verbessern, sollten auch die Ausstiegsprozesse von sogenannten Selbstheilern wissenschaftlich erforscht werden.

Autorin: Anja Meurer

Quelle: Petry, J. (2005) Kritische Betrachtungen über den aktuellen Stand der Behandlung von Tabakabhängigen. In: Sucht 51 (3), S. 175-186.